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Comeback beginnt im Kopf: Wie Sportphysiotherapie & Mentaltraining Hand in Hand gehen

Ein Gastbeitrag von Raphael Liechti von fitcube.ch


Eine Verletzung. Ein harter Cut. Für viele Athlet:innen ist das der Moment, in dem sich plötzlich alles verschiebt – vom Wettkampfkalender bis zum Selbstbild. Was gestern noch selbstverständlich war – ein Sprung, ein Sprint, ein Spielzug – scheint plötzlich unendlich weit weg.

Und dann beginnt er: der Weg zurück.

Aber was bedeutet eigentlich „zurück“? Zurück auf den Platz? Zurück zur alten Form? Zurück zum gewohnten Mindset?


Körper und Kopf – ein Duo, das nur gemeinsam funktioniert

Viele denken bei Rehabilitation an Muskeln, Bänder, Gelenke. Klar – Sportphysiotherapie kümmert sich darum, dass der Körper heilt. Aber wenn wir ehrlich sind: Ein funktionierender Bewegungsapparat allein bringt wenig, wenn der Kopf blockiert. Wenn Unsicherheit bleibt. Wenn Motivation fehlt.

Die moderne Sportphysiotherapie hat längst verstanden, dass Reha mehr ist als Wundheilung. Es geht um funktionelle Belastbarkeit. Aber auch um Vertrauen – in den Körper, in die eigenen Entscheidungen, in das Timing des Comebacks.

Ein Athlet, der nicht spürt, wann „es wieder geht“, ist verletzungsanfälliger. Oder zögert – manchmal sogar zu lange. Beides kann Folgen haben.

Deshalb ist es kein Zufall, dass Mentaltraining heute fester Bestandteil einer ganzheitlichen Reha ist. Nicht als "Bonus" – sondern als integraler Pfeiler.


Der Snowboarder Jonas Junker auf dem Weg zurück

Reha-Phasen, wie sie sein sollten: körperlich & mental begleitet

In der klassischen Sportphysiotherapie orientieren wir uns an drei klaren Phasen:


  1. Akute Phase / Entzündungskontrolle:

    Ziel: Schmerz reduzieren, Beweglichkeit sichern. Was oft vergessen wird: Schon hier beginnt mentale Reha. Wie gehe ich mit der neuen Situation um? Was kann ich tun – statt nur darauf zu warten, dass es „von selbst“ besser wird?


  2. Aufbauphase / funktionelle Belastung:

    Hier geht es an die Substanz. Wiederherstellung von Kraft, Bewegungsmustern, Koordination. Gleichzeitig stellt sich die Frage: Wie motiviere ich mich, wenn Fortschritte klein und Rückschläge real sind?


  3. Return to Sport:

Klingt einfach – ist aber die komplexeste Phase. Körperlich fit zu sein heisst nicht automatisch, auch mental bereit zu sein. Angst vor erneuter Verletzung, Versagensdruck oder zu hoher Erwartungsdruck sind typisch. Mentale Tools wie Visualisierung, gezielte Selbstinstruktion oder Emotionscoaching können hier entscheidend sein. Und das sollte man ernst nehmen – gerade im Leistungs- oder ambitionierten Amateursport.

Resilienz ist nicht nur die Fähigkeit, zurückzukommen. Sondern auch, wie man zurückkommt – wie man mit Unsicherheit umgeht, mit schwankender Form, mit dem Gefühl, „hinterherzuhinken

Mentale Widerstandskraft – trainierbar, aber nicht von allein

Ein interessantes Beispiel: In einer Studie von Trigueros et al. (2019) zeigte sich, dass das Verhalten von Trainer:innen einen messbaren Einfluss auf die Resilienz und Motivation von Sportler:innen hat. Konkret: Wer unterstützt, statt zu kontrollieren, stärkt nicht nur Autonomie – sondern auch das psychologische Durchhaltevermögen im Rehaprozess.

Auch Den Hartigh et al. (2022) beschreiben Resilienz als einen dynamischen Anpassungsprozess – nicht als fixe Eigenschaft. Und genau deshalb lässt sie sich beeinflussen. Von aussen wie von innen.

Was viele nicht wissen: Resilienz ist nicht nur die Fähigkeit, zurückzukommen. Sondern auch, wie man zurückkommt – wie man mit Unsicherheit umgeht, mit schwankender Form, mit dem Gefühl, „hinterherzuhinken“.


Ein typisches Reha-Dilemma: Wenn der Körper bereit ist – aber der Kopf beim Comeback zögert

Ein Fall, wie er sich in der Sportphysiotherapie häufig zeigt: Eine ambitionierte Hürdensprinterin arbeitet sich nach einem Kreuzbandriss Schritt für Schritt zurück. Die ärztlichen Befunde sind positiv, die Belastungstests zeigen gute Werte. Doch je näher der Moment des „Returns“ rückt, desto spürbarer wird die innere Anspannung.

Nicht selten kommt es in dieser Phase zu einem Bruch zwischen körperlicher Leistungsfähigkeit und mentaler Bereitschaft. Bewegungen werden vorsichtiger, Abläufe unsicherer – nicht aus Mangel an Kraft, sondern aus Furcht vor Wiederverletzung.

verletzte Hürdenläuferin

In solchen Momenten hilft es oft, gemeinsam innezuhalten. Methoden wie Zielbildarbeit, strukturierte Reflexion oder auch Atemtechniken können Impulse setzen. Entscheidend ist dabei nicht immer das „richtige Tool“, sondern das Zuhören, das ernst nehmen des inneren Tempos. Manchmal reicht ein Gedanke wie: „Es ist okay, noch nicht ganz bereit zu sein – aber ich darf trotzdem einen Schritt machen.“

Das Ziel ist nicht die perfekte Rückkehr, sondern eine tragfähige. Und die beginnt mit Vertrauen – nicht nur in den Körper, sondern auch in die eigene Entscheidungsfähigkeit.


Wichtige Elemente die übersehen werden

Was macht eine gute therapeutische Betreuung aus – jenseits von Tape, Ultraschall oder Trainingsplänen?

  • Interdisziplinarität: Physiotherapie, Mentalcoaching, Ernährung, ärztliche Begleitung – idealerweise im Austausch.

  • Subjektive Belastungsskala (RPE): Athlet:innen spüren meist sehr genau, wann etwas „nicht passt“. Wer das ignoriert, riskiert Re-Injury.

  • Sinnvolle Progression statt schneller Belastung: Ja, Athlet:innen wollen zurück. Aber nicht jeder Fortschritt ist linear – und das darf auch so sein.

  • Kognitive Komponente im Bewegungsmuster: Wer unter mentalem Stress steht, bewegt sich anders. Das zu erkennen – und im Training zu berücksichtigen – ist essenziell.


Prävention fängt nicht erst nach der Verletzung an

Die grosse Herausforderung im Sport ist nicht nur, zurückzukommen – sondern auch, nicht nochmal zu fallen.

Programme wie das FIFA 11+, iSPRINT oder koordinative Präventionsübungen zeigen: Wer gezielt arbeitet, kann viele Verletzungen vermeiden oder deren Schweregrad reduzieren. Aber das klappt nur, wenn Athlet:innen mental bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Auch das – ist Teil der Prävention.


Fazit: Verletzung ist nicht das Ende – sondern oft der Anfang von etwas Neuem

Reha ist kein Tunnel mit Licht am Ende. Sie ist eher ein Weg mit vielen Abzweigungen. Manchmal läuft man im Kreis. Manchmal braucht man einen kleinen Schubs. Oder jemanden, der mitläuft.

Sportphysiotherapie ist nicht nur Technik – sie ist Begleitung. Und wenn Mentaltraining dazukommt, wird sie komplett.


Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Heilung beginnt nicht im Gelenk – sondern im Kopf.


👉 Mehr zu der Sportphysiotherapie in Zürich bei Fitcube und deren Arbeit.


 Quellen & Studien


 
 
 

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